ARCHIV

TANTE HILDE


Ein Doppelprojekt:

Dokumentarfilm, Digi-Beta, 55 Min., D 2013
Fotoausstellung, 25 Exponate, gerahmt 45x60 cm

Wohnung Herzlieb Tante Hilde



Andreas Fischer wird 1961 als Sohn eines Fotografenehepaares geboren. Die Eltern führen im rheinischen Troisdorf (bei Bonn) ein Fotogeschäft. Daher verbringt Andreas weite Teile der Kindheit bei seiner Tante Hilde, die eine Straßenecke vom Elternhaus entfernt wohnt. Die beiden sind in tiefer Zuneigung verbunden.

Im Juni 2010 stirbt Tante Hilde im Alter von 90 Jahren. Bis zuletzt lebte sie selbständig in ihrem Reihenhäuschen, welches sie 1964 mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann bezogen hatte.

Da die Tante selbst kinderlos blieb, fällt dem Neffen die Aufgabe zu, den Nachlass zu ordnen, den Haushalt aufzulösen, das Häuschen leer zu räumen.

Andreas Fischer, inzwischen Fotograf und Filmemacher, dokumentiert diesen Prozess in Fotografien und einem Dokumentarfilm.

Bevor der Haushalt aufgelöst wird, fotografiert er den verschwindenden Lebensraum der Tante im Detail. In streng komponierten Aufnahmen dokumentiert er die Ästhetik einer ganzen Generation, die sich verabschiedet. Und vereinzelt werfen die Fotografien in Nahaufnahmen ein Streiflicht auf die Geschichte des letzten Jahrhunderts. Wenn Fischer einen alten Küchenstuhl fotografiert, dessen brüchig gewordener Kunststoffsitzbezug mit einem Pflaster geflickt wurde, erzählt dies auch von der Mentalität einer Generation, die Krieg und Hunger erleben musste, einer Generation, die bis heute nichts verkommen lässt.

Das Entstehen dieser Fotoarbeiten hat Fischer filmisch dokumentiert, ebenso die anschließende Haushaltsauflösung im Sommer 2010, die sich parallel zur Fußballweltmeisterschaft abspielt. Tagsüber räumt Fischer das verlassene Haus aus. So entsorgt er Hunderte von Tante Hilde sorgsam ausgespülte und im Keller ordentlich gelagerte Pflaumenmusbecher. Am Abend filmt er dann den Jubel der Zuschauer beim Public Viewing nach einem Tor der deutschen Mannschaft.

Archivaufnahmen zeigen die Tante in ihrem Häuschen vor Jahren, sie zeigen eine selbstbewusste, lebensfrohe, alte Dame voller Heiterkeit und Herzenswärme, deren Strahlkraft die Zuschauer in ihren Bann zieht.

 

Mit diesem Doppelprojekt ist eine fotografische und filmische Meditation entstanden über Vergänglichkeit, Gleichzeitigkeit und überdauernde Zuneigung.

Film und Fotoausstellung wurden 2013 in Berlin in der URANIA sowie 2014 im MUSEUM FÜR STADT- UND INDUSTRIEGESCHICHTE in Troisdorf präsentiert.