Andreas Fischer moraki kulturprodukte

Brandnarben
Hamburger Feuersturm 1943

Teil 2

Raymond Ungers Vater hatte als Kind Bombenangriffe auf Hamburg überlebt; später hatte das Kind im berüchtigten „Hungerwinter“ nach dem Krieg nicht genug zu essen.

Als der Vater von Raymond vor der Berufswahl steht, wird er Koch, denn, als Koch gibt es immer etwas zu essen. 

Später ist er sehr erfolgreich im Beruf. Wenn er nach Hause zu seiner Frau und den Kindern kommt, legt er auf den Tisch, was übrig war in der Nobelküche: Fasan, feinste Steaks.

Doch dann dreht er sich sofort um und verschwindet zu seiner Taubenzucht. 

Auf die Frage, ob er denn eine Situation in der Kindheit benennen könne, als der er sich seinem Vater nah fühlte, fallen Raymond genau 3 Situationen ein. „Das ist nicht gerade viel für eine ganze Kindheit“ sagt er dann.

Während im ersten Teil dieses Dokumentarfilms die so genannte „Erlebnisgeneration“ zu Wort kam, widmet sich der zweite Teil „Brandnarben“ den Kindern der Überlebenden.

Eltern oder Elternteile der Interviewpartner haben die Bombenangriffe auf Hamburg im Juli 1943 erlebt. Darüber hinaus waren manche Väter von Interviewpartnern im Krieg junge Soldaten, einige Mütter hatten traumatische Erlebnisse auf der Flucht aus dem Osten. Viele Väter oder Mütter der Interviewpartner haben neben materiellen Verlusterfahrungen auch Geschwister im Krieg verloren.

Welche Auswirkungen hatte es auf die in den 50er und 60er Jahren Geborenen, dass ihre Eltern derart traumatische Kriegserlebnisse hatten?

Nach dem Krieg erblüht das deutsche Wirtschaftswunder. Die kriegstraumatisierten jungen Leute wollen leben, zu Wohlstand gelangen und Familien gründen. Die nun jungen Eltern glauben, sie lassen es ihren Kindern an nichts fehlen. Die Kinder werden gut ernährt, oft wird ein Haus gebaut, an Spielzeug herrscht kein Mangel. Wenn es finanziell möglich ist, erhalten die Kinder teuren Musikunterricht. Überhaupt wird Bildung ermöglicht, die in früheren Zeiten unerschwinglich war.

Die Kinder sollen es gut haben. 

Die Eltern glauben, die Kinder hätten es gut.

Aber vielen Kindern geht es nicht gut. 

In dem wachsenden materiellen Wohlstand hungern viele Kinder emotional.

Sehr eindrücklich schildern die heute in der Mitte des Lebens Stehenden von emotional nicht greifbaren Eltern, von Eltern, die ihre Kinder nicht wirklich wahrnehmen können. Viele Eltern scheinen seltsam abwesend. Sie sind da, aber irgendwie doch nicht. Anwesend und abwesend zugleich. 

Nähe wird geflohen. 

Viele Eltern konnten eine wirkliche Nähe zu den Kindern nicht leben. Sie brauchten ihre Energie für ihre Fluchtbewegungen, um die Erinnerungen unter Kontrolle zu halten. Und es handelte sich um eine Generation, die auch während des Faschismus und des Krieges gelernt hatte, dass die eigenen Bedürfnisse und Gefühle nicht zählen oder nicht wahrgenommen werden dürfen: Überlebensstrategie. 

„Generation durchmarschier“, wie Peter Henning im Film sagt. 

Und wie sollen Eltern, die nicht wahrzunehmen gelernt haben, was in Ihnen vorging, später wahrnehmen, was in ihren Kindern vorging?

Wie sollten sie sich emotional mit ihren Kindern verbinden, wenn sie keine Verbindung zu ihren eigenen Gefühlen hatten?

Die Mutter von Astrid Wörn verfiel häufig in tagelanges Schweigen. Das Kind Astrid verstand, dass die Mutter traurig war, aber nicht, warum. 

Besonders schlimm war es im Urlaub am Meer.

„Das war schrecklich. Alles war schön. Die Sonne schien. Und wir badeten schweigend im Meer.“

Das hatte mehrere Folgen.

„Ich dachte, ich bin schuld,“ sagt Astrid heute. „Und ich wollte meine Mutter immer retten.“

Im Alter wurde Astrids Mutter dement.

„Sie vergaß dann auch die Mauern, die sie um sich errichtet hatte. Und erst dann konnte ich sie erreichen. Als sie alles nicht mehr wusste, konnten wir uns auch mal umarmen.“

Persönliche Anmerkung von Andreas Fischer

Ich kann enge Räume nicht ertragen. Im Kino sitze ich immer auf einem Platz am Gang. Fliegen ist mir ein Grauen. Nicht, dass ich Angst hätte, das Fluggerät falle vom Himmel. Es ist das Wissen um die Tatsache, dass ich aus der fliegende Büchse nicht heraus kann, die mir den Angstschweiß auf die Haut treibt.

Meine Eltern haben den Krieg als junge Erwachsene erlebt. Mein Vater, Jahrgang 1919, war Soldat und geriet gegen Ende des Krieges in Gefangenschaft. Meine Mutter, 1923 geboren, erlebte den Bombenkrieg im Ruhrgebiet. Ein Bruder meines Vaters und ein Bruder meiner Mutter überlebten den Krieg nicht.

Nach dem Krieg betrieben meine Eltern ein Fotogeschäft in der Nähe von Köln. 

Ich bin bei den Bildern geblieben, mache Filme.

Aber was habe ich sonst noch geerbt?

Die wissenschaftliche Erforschung der Frage, ob Traumatisierungen vererbt werden können, und wenn ja, auf welchem Weg, steht erst am Anfang. 

Aber ich mache Beobachtungen.

Viele meiner Interviewpartner teilen etwa meine Klaustrophobie.

Noch nie habe ich einen Film gemacht, der so viel mit mir zu tun hat. Vor allem den zweiten Teil zu drehen, war für mich eine Reise in meine eigene Kindheit.

Es gab einmal die Überlegung, meine eigenen Kindheitsgeschichten in den Film mit einzubauen. Letztlich war das nicht nötig. Die Interviewpartner treffen Aussagen, die meine sein könnten, die meine sind.

So wird häufig von Vätern erzählt, die sich in Arbeit flüchteten. Dafür gab es ja auch gute Argumente. Es musste aufgebaut werden. Viele Väter verschwanden, wenn sie denn nach der Arbeit nach Hause kamen, in einen Hobbyraum, zu einer Taubenzucht, hinter Büchern. Die Fluchtorte sind austauschbar.

Mein Vater hatte zwei Dunkelkammern. Eine im Geschäft und eine daheim; wir wohnten wenige Kilometer vom Geschäft entfernt im eigenen Haus.

Das ist für mich, im doppelten Sinn des Wortes, das Bild, welches ich von meinem Vater habe: allein in der Dunkelkammer. Im Dunkeln.

Später, als er in Rente ging, baute er sich eine Hobbysternwarte in der Eifel. Hier stand er wieder im Dunkel, den Blick auf das Weltall gerichtet.

Anwesend. Abwesend.

Teil 1: Brandwunden

Filmtext

Literaturempfehlungen zum 2. Teil:

Transgenerationale Weitergabe kriegsbedingter Kindheiten
Hartmut Radebold, Werner Bohleber, Jürgen Zinnecker (Hrsg.)

Kriegsenkel Sabine Bode

Wir Kinder der Kriegskinder Anne-Ev Ustorf

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Foto: Klaus Schmitz